Samstag, 25. Februar 2012
Karneval (2) - Tulpensonntag - Von Angesicht zu Angesicht
Ich sitze auf einem Hocker in der Mitte des Raumes und starre an die Wand. Ein großer, blutroter Fleck hat die einst weiße Raufasertapete verunstaltet. Auch meine Hände sind rot und kleine Spritzer haben mein T-Shirt besprenkelt. Es sieht aus, als hätte ich ein Schwein geschlachtet – direkt in meinem Schlafzimmer. Aber es ist nur Wandfarbe. Ich hatte mich ablenken müssen. Im „Zombie Survival Guide“ von Max Brooks heißt es, dass das ständige Stöhnen der Untoten schon so Manchen in den Wahnsinn getrieben hat. Das muss man sich mal vorstellen: Man ist der vielleicht letzte Mensch auf der Welt, hat sich durch Schwärme von verwesenden Angehörigen und Nachbarn geballert, freut sich, dass man die wandelnden Toten schließlich entgegen alle Erwartungen doch überlebt hat und dann beißt man sich die Pulsadern auf, weil die Viecher draußen ständig murren. Die Aktion mit der Wandfarbe hatte den Zweck, dass ich mir nichts aufbeiße. Denn nach Weiberfastnacht am Donnerstag, und den endlosen Parties an Freitag und Samstag kam, wie ich gehofft hatte, der Abschluss am Tulpensonntag. Aber der zieht sich. Als ich das erste Mal auf dem Hocker sitze und meine Wand betrachte, schreien in meinem Hirn zahllose Synapsen nach Entspannung. Aber von drüben dringt das Treiben herüber. Um sechs Uhr morgens.

Gegen halb vier gingen unten die Lichter aus. Die Musikanlagen wurden abgestellt und die Cowboys, Gespenster und geschminkten Katzen auf die Straße gekehrt. 20 Minuten später: Die letzten Klänge irgendeines dahingegröhlten Karnevalliedes wurden schunkelnd ins nächste Taxi getragen. Ich lag im Dunkeln. Rote Äderchen krochen immer weiter Richtung Iris. Ich öffnete schnell das Fenster – tagsüber konnte man nicht lüften; es war zu laut und das ganze Viertel stinkt nach Bier und Rum und auch einer säuerlichen Note. Im Mittelalter musste es ähnlich gestunken haben - als die Leute ihren Unrat noch auf die Straßen kippten und es kein Duschgel gab. Grade als ich durchatmen will, poltert mein Nachbar die Stufen hoch. Und mit ihm etwa acht andere Leute im heiratsfähigen Alter, die schon im Treppenhaus ihrer Freude Luft machen, jetzt noch weiter feiern zu können: „Simon, d-du bischt unsr Retter!“ und später, in der Wohnung, von der ich nur durch eine dünne Wand getrennt liege: „Wo issn dein Kühlschrank?!“. Selbstreflektierend frage ich mich, ob ich angekotzt, oder einfach nur neidisch bin. Aber nein, nein ich hasse Karneval. Diese aufgesetzte, herbeigezauberte Fröhlichkeit, die ohne Freund Alkohol gar nicht zu Stande käme. Dasselbe pseudo-satirische Palaver, das nur eine verstaubte Tradition ist, mit den elenden Büttenreden, die der Rheinländer für geistreich hält, während trotzdem mit Trompeten jede Pointe untermalen werden muss, ja, man kann sagen, ich erachte den Karneval als verstörende Unterhaltung für das Dummvolk.

Nachdem mein Nachbar seine Gäste um sechs Uhr morgens noch immer nicht nach Hause geschickt hat, habe ich den Farbeimer aus dem Keller geholt. Filme anzusehen hat nichts mehr gebracht – die Musik von nebenan hat jegliche Möglichkeit der Konzentration unmöglich gemacht. Sicherlich, ich hätte die Polizei rufen können, aber ich bin kein Spielverderber – einmal im Jahr kann auch mein Nachbar laut sein. Soll er sein dummes Fest feiern. Trotzdem brauchte ich etwas, das mich ablenkt. Meine Nerven flirren schon seit dem Freitag nach Weiberfastnacht. Ich brauche etwas Stumpfes. Als ich beschließe, endlich die zwei Wände in dem Burgunder-Ton zu streichen, den ich mir schon vor drei Monaten habe anmischen lassen, schöpfe ich Hoffnung, mich entspannen zu können. Ich schmiere hysterisch mit der Farbe herum; drüben krakelt der Plebs. Burgunder spritzt gegen meine Arme. Der undefinierbare Geruch der frischen Farbe erfüllt den Raum. Nach 15 Minuten habe ich genug, lasse mich auf dem Hocker nieder und betrachte mein Werk. Die arme Wand... Als ich grade in den Keller gehen möchte um ein paar Rattenfallen aufzustellen, laufe ich der Meute im Hausflur direkt in die Arme. Zwei von ihnen, ein fetter Blues Brother und eine Piratin mit tiefem Ausschnitt und Minirock, mustern mich verdutzt. Das ist er also. Der Feind. Die trägen, öligen Augen der Piratin versuchen gequält Nervenimpulse ans Hirn zu senden. Aber ihr Hirn ist aus. Sie muss sich an der Wand abstützen. Während ich überlege, wie sie die 88 Stufen herunterkommen will, ohne sich die Gräten zu brechen, hat der Fette zu Ende gedacht. „Serienkiller“, sagt Elwood. Seine Aussprache ist überraschend klar. Als er die Sonnenbrille abnimmt, bin ich verwirrt. Er sieht so normal aus. „Oder nein – Opfer! Du bist Serienkilleropfer!“ Vielleicht hat er recht. Vielleicht bin ich ein Opfer. Irgendwie hatte ich mir den ganzen Rummel anders vorgestellt. Unter den Kostümen scheinen ganz normale Menschen zu stecken. Betrunkene, sicher, aber es ist ja auch Wochenende. „Elwood“, sage ich. Das Kostüm des Anderen zu erraten ist eine einfache Methode, um ins Gespräch zu kommen. Offenbar begrüßt man sich an Karneval so. „Nein. Jake!“, sagt Elwood. Sich als fetter Mensch trotz Kostüm für den schlankeren Blues Brother auszugeben erscheint mir vermessen. Aber gut – es ist seine Welt, ich lebe nur darin. Trotzdem quält mich der Gedanke - hätte ich mir den Zirkus vielleicht doch nicht entgehen lassen sollen? Als die Meute sich die Treppen hinunterhievt, habe ich die Rattenfallen schon vergessen und schlendere nachdenklich zurück auf meinen Hocker.

Ich hätte von Anfang an hinter die Kostüme sehen müssen, überlege ich, während ich auf meine geschundene Wand starre. Draußen kann man den Sonnenaufgang erahnen. Inzwischen ist Rosenmontag. Durch das offene Fenster höre ich, wie Piratin und Co. aus dem Haus und auf die Straße kollern. Vielleicht habe ich das Ganze falsch aufgefasst. Vielleicht sollte ich es nicht als verkommenes Kostümfest betrachten, sondern als ein einfaches Straßenfest. Es scheint gar nicht um die Verkleidungen zu gehen, sondern um das Fest an sich, um das Zusammensein und darum, Spaß zu haben. Wie konnte ich so verbohrt sein und das nicht erkennen? Bin ich vom einfachen Misanthropen zu einem grummeligen Eremiten verkommen, der die Luftballons kleiner Kinder platzen lässt? Darüber musste ich sinnieren. Die Wand war mir dabei keine Hilfe. Ich machte mir 20 Mini-Frühlingsrollen, legte mich ins Bett und war bereit, falls ich meine Gedanken zu Ende bringen konnte, den nahenden Rosenmontag vielleicht doch ganz anders zu verbringen, als ich es geplant hatte. Statt allein in meinem Turmzimmer zu sitzen, sollte ich vielleicht runter auf die Straße gehen und mich dem bunten Treiben hingeben. Wie schlimm konnte es schon sein? Schlimmstenfalls fiel vielleicht eine Piratin für mich ab. Oder?

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Samstag, 18. Februar 2012
Karneval (1) - Nelkensamstag - Warten auf den Sturm
Eine zentral gelegene Wohnung im Zülpicher Viertel in Köln bringt eine Menge Vorteile: Direkt vor der Haustür liegen etwa 50 Bars, sechs Supermärkte und Haltestellen für fünf verschiedene U-Bahn-Linien. Aber wie bei den meisten tollen Dingen in der Welt, hat es auch Nachteile, im Herzen von Köln zu wohnen. Der entscheidenste dieser Nachteile zeigt sich dieser Tage, denn auch in meiner gemütlichen Dachgeschoss-Wohnung im fünften Stock höre ich sie – die Scheiß-Narren! Es graut mir vor dem jecken Treiben, aber ich muss mich diesem Ereignis wohl oder übel stellen...

Ich hatte mich ja schon vor zwei Jahren über Karneval ausgelassen. Damals noch mit angenehmen 600 Kilometern zwischen den Karnevalshochburgen und meinem Aufenthaltsort. Jetzt jedoch sitze ich im Zentrum des Wahnsinns. Unmittelbar vor meiner Haustür tummeln sich besoffene Cowboys, singende Teufelinnen und stinkende Penner. (Die Penner sind nicht verkleidet – sie sammeln die Pfandflaschen ein.) Um zum nächsten REWE zu kommen, wohin ich sonst vier Minuten laufe, brauchte ich vorgestern 33, nur um dann festzustellen, dass die Öffnungszeiten „karnevalsbedingt“ abgeändert wurden. Ich wollte frustriert resignierend zurücktrotten, musste mich aber stattdessen engagiert durch die obszöne Lieder darbietende Menge kämpfen. Doch jetzt bin ich vorbereitet. Ich habe gestern einen Großeinkauf gemacht und bin darauf vorbereitet, meinen Elfenbeinturm bis Dienstag nicht zu verlassen. Ich warte. Auf den Narrensturm. Missmutig blicke ich alle paar Minuten aus dem Fenster, so wie ich es auch an jenem Januar-Nachmittag 2007 tat, als der Himmel dunkler und dunkler wurde und „Kyrill“ sich immer stärker bemerkbar machte.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, dazusitzen und zu wissen, dass man nichts gegen das nahende Unheil tun kann. Deswegen führe ich noch einmal eine Inventur bei meinen Vorräten durch: drei Dosen Ravioli, drei Dosen Hühnersuppe, 18 Liter Mineralwasser, sechs Tiefkühlpizzen, zehn Mikrowellen-Hotdogs, zwei Flaschen „Heinz“ Ketchup, sechs Liter Billig-Fanta, 50 Mini-Frühlingsrollen, zwei Flaschen Dip, zwei Kilo Nudeln, ein Kilo Hackfleisch, Zutaten für eine vernünftige Tomatensoße, Kekse, 50 Teelichter, Brettspiele, 10 Batterien in verschiedenen Größen und ein Kreuzworträtselheft. Dass der Strom ausfällt ist zwar unwahrscheinlich, aber ein paar nicht-stromgebundene Reserven da zu haben, kann nie schaden. Und dann, gegen zwölf Uhr mittags, höre ich sie.

„Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“, zitiere ich gedankenverloren vor mich hin, während die Posaunenklänge näher rücken. Am 11.11.2011 hatte ich schon die Ausmaße dessen gesehen, was mich erwartete. Am 12. waren die Straße gepflastert mit getrockneter Kotze, Scherben und meiner zertrampelten Hoffnung, ich käme um den Karneval herum. Dem war nicht so. Und so wird es auch jetzt nicht sein. Eine Szene aus „Kevin allein zu Haus“ fällt mir ein – er hat das Haus präpariert und lädt mit einer Mischung aus Angst und Entschlossenheit sein Luftgewehr durch. Ich habe kein Luftgewehr. Entschlossen bin ich trotzdem. Ich bin hier, gut vorbereitet, wie ich meine, und harre der Narren, die da kommen mögen.

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Samstag, 31. Dezember 2011
Der Duft des Schicksals
Rafflesia arnoldii. Das ist der wissenschaftliche Name der so genannten Riesenrafflesie. Und die ist eine außergewöhnliche Pflanze. Sie wächst nur in den Regenwäldern von Sumatra und Indonesien und hat die größten Blütenblätter im ganzen Pflanzenreich. Der Duft der Riesenrafflesie ist so intensiv und ihre Blüte so prächtig, dass wo auch immer sie ihre Blätter entfaltet, Touristen herbeiströmen, um sie zu bewundern. Aber abgesehen davon, dass die Riesenrafflesie nur im tiefsten Dschungel auf der anderen Seite der Welt wächst, gibt es noch ein anderes Problem mit der Blume.

Am 4. November kurz vor 17 Uhr habe ich mir an einem antiken Eierkocher beide Hände verbrüht und musste seither schmerzlich erfahren, wie oft man die Hände tatsächlich benutzt und wie abhängig man ist, wenn man sie nicht benutzen kann. Als mir vorgestern der Verband abgenommen wurde, war es, als würde ich zwei verschollene Freunde wiedersehen. Allerdings war mir das Gefühl zumindest teilweise vertraut. Im November 2003, kurz nach meinem 18. Geburtstag, hatte ich mir vier Finger der rechten Hand gebrochen als ich versuchte, eine schwere Eisentür aus den Angeln zu heben. So stand ich damals also mit dick verbundener Hand auf einer Silvesterfeier herum und trank mein Bier mit links. Ich kannte dort kaum jemanden, deswegen langweilte ich mich sehr und versuchte mich zu erinnern, wie ich da hin gekommen war. Meine gedanklichen Ausschweifungen wurden dann und wann von der Frage unterbrochen, was ich denn mit meiner Hand gemacht habe. In den Augen der fremden Fragenden konnte ich jedoch sehen, dass sie nur darauf hofften, eine abgefahrene Geschichte zu hören, die sie irgendwann irgendwo vortragen konnten, damit man ihnen interessiert zuhören möge. Nach dem dritten oder vierten Bier war ich des Geschichtenerfindens überdrüssig, steckte mir zwei Flaschen in den Mantel und ging auf den Balkon, in der Hoffnung, meine Ruhe zu haben. Aber schon zwei Zigarettenlängen und ein Bier später wurde die Tür geöffnet und heraus trat…Nadja. Zum Verständnis: das ist gut. Sie durfte mich gern „stören“. Ich hatte sie schon ein paar Stunden zuvor durch das Treiben hindurch auf einem Sofa sitzen sehen, wie sie vermeintlich einsam an einem Longdrink nippte und sowohl Engelchen als auch Teufelchen auf meinen Schultern drehten völlig durch und verlangten umgehend geschlechtliche Interaktion mit ihr. Da ich aber nicht der Typ Männchen bin, der sogleich zur Auserwählten schreitet und sie umgarnt wie ein kleiner Hund der einem am Bein rumrammelt, tat ich nichts. Und nun belohnte das Schicksal meine souveräne Zurückhaltung und schickte mir diesen verspäteten Weihnachtsengel auf den halb eingeschneiten Balkon. Hallelujah!

Zum Glück fragte sie mich nach einer Zigarette, sonst wäre ein Gespräch wohl nie zu Stande gekommen. Nach dreißig Minuten ungewöhnlich angeregter Unterhaltung, während der ich mich permanent zurückhielt, auf ihre Brüste, Lippen, Beine, etc. zu starren, war ich irritiert. Wir hatten denselben Filmgeschmack, hörten die gleiche Musik und hatten eine starke Abneigung gegen eingelegte Mandarinen. Kurzum: Ich fand keinen einzigen Makel. Sie schien so etwas wie ein Fabelwesen zu sein. Warum war sie hier? Man konnte auch drinnen rauchen, aber sie sagte, sie habe ihre Ruhe gebraucht und wäre deshalb auf den Balkon gekommen. So wie ich. War das alles ein Zufall? Wohl kaum. Ich hörte schon die Hochzeitsglocken läuten. Rückblickend waren es aber wahrscheinlich ganz andere Glocken, die sich meinem Denken aufzwangen. Immerhin war ich wegen meiner verbundenen Hand schon seit Wochen chronisch praekoital. Als sie nur etwa 20 Minuten vor Mitternacht fragte, ob wir nicht an einen stilleren Ort gehen wollten (seit sie sich zu mir gesellt hatte, war niemand mehr auf den Balkon gekommen), versprach ich Fortuna, ihr einen Welpen zu opfern und navigierte Nadja in ein Gästezimmer am Ende eines unbeachteten Flurs. Engelchen und Teufelchen hatten Partyhütchen auf und applaudierten mir, als sie die Tür abschloss und mich mit einem Blick ansah, den in den 40ern manche Schauspielerin berühmt gemacht hatte. Wir ließen uns auf ein weißes IKEA-Sofa fallen. Aber dann, so kurz vor dem Ziel, kam alles ganz anders. Es war Nadja. Etwas stimmte nicht. Ich konnte es riechen. Irgendwo in der Dunkelheit vor dem Fenster begann eine Turmuhr zu schlagen. Beim ersten Schlag wurde mir klar, dass Nadja, als ich sie das erste Mal sah, allein auf dem Sofa saß und an ihrem Glas nippte. Warum war ein so schönes junges Mädchen allein auf einer gut besuchten Party und wurde nicht von einem Rudel läufiger Alphas umringt? Als die Uhr zum zweiten Mal schlug, wurde mir klar, dass sie mir das Gespräch auf dem Balkon regelrecht aufgezwungen hatte und mich zwischendurch ein paar Mal beiläufig berührte. Wer so aussah wie Nadja musste niemanden abschleppen – sie hätte es sein müssen, die abgeschleppt wurde! Beim dritten Schlag fügte sich dann alles zusammen – als sie den Reißverschluss ihrer Strickjacke aufzog. Eine dicke Wolke furchtbar unangenehmen Geruchs strömte aus der Klamotte. Nadja stank zum Himmel. Fortuna, dieses dreckige, perfide Mistvieh! Die Glocken hörten auf zu schlagen. Die des Kirchturms, die eingebildeten Hochzeitsglocken und auch die anderen. Sämtliche in mein Blut geschossene Hormone wurden zurückgepfiffen und wieder eingemottet. Ich entschuldigte mich mit wahrscheinlich angewidertem Gesicht, stahl noch etwas Bier aus dem Kühlschrank und floh aus dem Haus, über die Straße in Richtung des Marktplatzes. Aber ich schaffte es nicht rechtzeitig – Mitternacht war ich in irgendeiner Seitenstraße, soff gierig aus einer braunen Flasche und fragte mich, was ich nur immer falsch machen würde. Damals wurde mir klar, dass alles, was zu schön ist, um wahr zu sein, nicht wahr sein kann, oder nur von kurzer Dauer ist.


[gesehen auf www.all-that-is-interesting.com]

Die Riesenrafflesie, die nur im Dschungel von Indonesien und Sumatra wächst hat eine riesige, rot-orangene Blüte mit hellen Tupfen. Die Blüte hat einen Durchmesser von bis zu einem Meter und wiegt über zehn Kilogramm. Als ich eingangs erwähnte, dass sie intensiv riecht, war das ernst gemeint, aber der Haken ist derselbe wie bei Nadja. Die Riesenrafflesie stinkt zum Himmel. Sie imitiert mit ihrem Geruch totes Fleisch, um Fliegen anzulocken. Man nennt sie auch „corpse flower“. Was für eine Welt! Die größte Blüte der Welt riecht nicht gut. Nadja hatte auch so ihre olfaktorischen Macken. Und ich? Ich kann nur hoffen, dass ich Silvester nicht frustriert in einer Seitenstraße verbringe, dem Leben und dem Glück hinterherlaufend, während die Raketen schon aufsteigen. Aber man soll ja nie die Hoffnung aufgeben. Und das Schöne an Silvester ist ja, dass alles noch mal von vorn anfängt. Jeder bekommt eine zweite Chance. Sehr gut. So schlimm kann die Welt dann doch gar nicht sein. Vielleicht trifft man dieses Silvester ja mal jemanden, der…na, Sie wissen schon. Ich glaube, ich höre schon die Hochzeitsglocken.

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Freitag, 14. Oktober 2011
Der Nazi, der Penner und der Perverse
Stellen Sie sich vor, Sie würden hören, dass ein Mann auf einem Spielplatz seinen Penis entblößt und so Passanten und Kinder erschreckt hat. Was denken Sie dann? „Verdammter Perversling!“, nicht wahr? „Schneidet den Kinderschändern die Eier ab! Mit Fackeln und Mistgabeln sollte man sie alle aus der Stadt jagen!“ Wieso auch nicht. Das würde ich auch denken. Das würde jeder. Und genau darum geht es.

Deutschland steckt nach wie vor in einer Art Postkriegstrauma. Deswegen sind bei uns – als einziges Land der Welt – nationalsozialistische Symbole verboten. Wer sagt, dass Ausländer „uns“ die Arbeitsplätze wegnehmen oder die Kriminalität nach oben treiben, gilt als Faschist, Rassist, Nazi, Idiot. Und die Linksextremen verlangen ja schließlich, dass „Nazis raus“ müssen. Wo raus auch immer. Als ich noch in der Versicherungbranche tätig war, hatte ich einen Kollegen, Oliver. Er war ein fürsorglicher Vater, liebender Ehemann, Atomkraftgegner, SPD-Wähler und Organspender. Ein richtiger Gutmensch, könnten Sie jetzt meinen. Er war noch etwas Anderes. Ein Neonazi.
Er trug Glatze, pfiff oft das Horst-Wessel-Lied vor sich hin und wenn man ihn fragte, erzählte er einem, warum er etwas gegen Ausländer hatte. Gegen Schwule dagegen hatte er nichts. Er übernahm nicht dumpf irgendein Statut, sondern differenzierte sehr genau, was an dieser Neonazi-Sache mit seiner Überzeugung übereinkam und was nicht. Seine Gründe möchte ich nicht wiedergeben; jeder kennt die Argumente der Rechten. Oliver hat mir viel beigebracht, besonders in sozialer Hinsicht. Dass Respekt und Ehre sehr wichtig sind. Dass die eigene Familie über allem steht. Und, auch wenn es aus seinem Mund irgendwie paradox klang, dass man Menschen nicht in Schubladen stecken sollte. Aber das halte ich für Schwachsinn.

In den Stadtteilen, in denen besonders viele Ausländer wohnen, ist die Kriminalitätsrate nicht immer, aber häufig, höher, als in anderen Vierteln. Das ist ein Fakt. Aber natürlich traut sich niemand, das laut zu sagen. Wir sind ja die bösen Deutschen, haben einen Weltkrieg verursacht, Millionen Unschuldiger dahingemetzelt und aus manchen von ihnen Seife gemacht. Ja, das ist alles wahr. Spätestens jetzt denken Sie wahrscheinlich, dass ich ein Nazi-Sympathisant bin, ein Missionar auf den braunen Spuren der NPD. So ist es aber gar nicht. Diese kleine Falle habe ich Ihnen gestellt, weil ich weiß, dass auch Sie in Schubladen denken. Sie halten mich jetzt für einen Pseudo-Fascho, weil ich gesagt habe, dass ein rechtradikaler Kollege mir viel über Ehre und Respekt beigebracht hat. Und weil ich, so glauben Sie zumindest, gesagt habe, dass Ausländer alle Verbrecher sind. Ja, auch ich denke in Schubladen. Warum auch nicht? Wir haben nicht die Zeit, jeden einzelnen Menschen so genau kennenzulernen, dass wir unsere Vorurteile widerlegen könnten. Warum auch? Wenn ich einen schwankenden Mann mit dreckigem Gesicht, verlaustem Bart und zerlöchertem Mantel sehe, dann denke ich nicht: „Oh, der war bestimmt Manager, hat sich an der Börse verspekuliert und musste letzte Woche seinen guten Dreiteiler verkaufen, damit er was zu essen hat“. Nein, ich denke, dass er ein Penner ist, ein elender wertloser Säufer der nichts auf die Reihe bekommen hat und mich jetzt um Kleingeld anbettelt, damit er sich um elf Uhr morgens den billigsten Fusel kaufen kann. Halte ich diesen Menschen für gleichberechtigt und „nicht viel anders“ als mich oder andere? Nein. Er ist weniger Wert. Er ist ein elender Penner! Sie finden, ich bin ein elitäres Arschloch? Ist Ihr gutes Recht. In dieser Schublade war ich schon oft. Witzig ist, dass die Linke mit ihren Nazis raus-Parolen sich selbst ins Bein schießen. Was die Linke den Nazis vorwirft ist doch wohl Verallgemeinerung. Immerhin sagen die ja: „Alle Ausländer schaden Deutschland“. Nazis scheren alle über einen Kamm, denken die Linken. Und was tun sie? Sie scheren wiederum die Nazis über einen Kamm – und wollen sie raus haben, alle wie sie da sind mit ihren Springerstiefeln und Glatzen. Auch Oliver. Dass sie damit selbst zur Verallgemeinerung greifen, entgeht ihnen völlig. Selbst die denken in Schubladen.

Was den Mann betrifft, der seinen Schwanz auf einem Spielplatz raus geholt hat: Er ist kein Perverser. Direkt neben dem Spielplatz ist eine Bar. Als diese Bar mitten in der Nacht geschlossen hat, vergaß er nochmal pinkeln zu gehen. Also ging er in ein Gebüsch. Es war mitten in der Nacht, er war recht betrunken und pinkelte in die Büsche. Dass er dabei auf einem Spielplatz stand, hat er gar nicht bemerkt. Jedenfalls kam genau zu diesem Zeitpunkt eine junge Familie von einer Feier zurück. Der Vater trug seine sehr müde Tochter auf dem Arm und die Mutter den schlafenden Sohn. Als die Mutter unseren armen Nachtschwärmer fragte, was er denn dort mache, wachte der Sohn auf und so sahen alle vier sein Geschlechtsteil auf einem Spielplatz. Die Mutter erstattete Anzeige und der lange Arm des Gesetzes packte ihn bei den Eiern. Ist er ein perverser Pädophiler? Nein. Aber Sie haben es vorhin gedacht. Und das ist gut so. Menschen denken in Schubladen. Und das ist völlig in Ordnung. Grade in Deutschland ist es nicht gern gesehen, Vorurteile zu haben, aber wir alle haben sie. So sind wir eben. Was anders ist als wir, beäugen wir skeptisch und tun es ab. Warum auch nicht? Das spart Zeit und Nerven. Denn selbst wenn der Penner mit dem zerrissenen Mantel ein Ex-Manager ist, oder ein Soziologie-Student der einen obskuren Selbstversuch macht, so sind doch 99 % der anderen trotzdem simple Alkoholiker ohne Dach über dem Kopf. Was bringt es mir denn, die eine Ausnahme gefunden zu haben? „Wir sind aber alle Menschen“, sagen Sie? Ja, sind wir. Aber was beweist das?
Um das klar zu stellen: ich bin durchaus nicht der Ansicht, dass faschistisches Gedankengut verbreitet werden sollte, die Schrecken des 3. Reiches heruntergespielt oder sonstwie fahrlässig damit umgegangen werden sollte. Alles was ich sage ist, dass es in der Natur des Menschen liegt, andere in Kategorien einzuordnen. Nazis, Penner, Perverse auf Spielplätzen. Alles gute Kategorien. Warum sollten wir uns dafür entschuldigen?

[Für’s Protokoll: Die Geschichte mit dem Penis und dem Spielplatz ist nicht auf meinen Mist gewachsen; ich habe das Grundgerüst dazu vor Kurzem in einer Komödie namens „Horrible Bosses“ gehört und zu Anschauungszwecken ein paar Details hinzugefügt. Der Film war auch sonst ganz lustig. Jennifer Aniston, Kevin Spacey und ein umwerfender Colin Farrell sind darin zu sehen. Nur, falls es Sie interessiert.]

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Montag, 29. August 2011
In vino veritas
Im Wein liegt Wahrheit. Das sagt zumindest der halbwegs gebildete Volksmund. Und sogar der Wein selbst kann „ehrlich“ sein. Das habe ich letzte Woche auf einer Weinprobe gelernt. Dahinter steckt aber viel weniger, als Sie vielleicht denken. Falls Sie denken. Manche tun das ja gar nicht. Oder nur von der Wand bis zur Tapete. Schlecht ist beides. Aber zurück zum Wein. Warum also verschlägt es mich bekennenden Biertrinker zu einer bourgeoisen, pseudointellektuellen Veranstaltung, wo ich doch viel lieber mit vorn gelber, hinten brauner Unterhose an einer Bushaltestelle sitze und säuerlich aufstoße? (Soweit das Bild, das Weintrinker von Biertrinkern haben.)

Laut Einladung sollte die famose Verkostung um 19 Uhr beginnen. Ich hatte Angst, nichts mehr zu bekommen, daher kam ich nach Soldatenmanier fünf Minuten vorher. Wo es gratis Alkohol gibt, sollte man nicht zu lange auf sich warten lassen, sonst steht man am Ende vor dem tropfenden Zapfhahn und bekommt nur noch einen Schluck Schaum. Das ist beschissen, deswegen zog ich mir schon früh einen schicken Zwirn an und erfreute mich der gedrückten Stimmung der etwa fünf anwesenden Gäste. Erwartet wurden 200. Zwischen 8 und 88 Jahren. Ich hätte schon bei dieser Angabe skeptisch werden müssen.
Ich suchte mir ein Fass hinten links und versuchte, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Das ging nicht lange gut.

19.11 Uhr. „Am Anfang war…“, hörte ich eine junge weibliche Stimme hinter mir, „…der Fusel“. Eine Pinguin-Dame klaubt mein leeres Glas vom Tisch und stellt ein neues hin. Darin ist die Sprite-Wein-Panscherei, die wohl immer gereicht wird, bevor es ans Eingemachte geht. Die Kellnerin ist unansehnlich im Gesicht und fettig ums Haar. Ich schenke ihr ein Grunzen. Ich will nicht gut Wetter mit dem Personal machen, sondern Wein trinken und die Veranstaltung schnell hinter mich bringen. Leider muss ich mich zurückhalten, denn im Anschluss soll ich ein Telefoninterview mit einem Pressesprecher in San Diego führen. Elende Zeitverschiebung! Er aß zu Mittag, ich soff zu Abend. Das nennt man wohl Globalisierung.

19.46 Uhr. Die Anzahl der Gäste erhöht sich auf etwa 25. Der erste Wein wird verkostet. Zu mir haben sich zwei Mittvierzigerinnen gesetzt, die mich aufklären, dass am Anfang immer der Fusel komme. Aha. Das Prinzip einer Weinverkostung war es also, die Gäste abzufüllen, auf dass sie am Ende nur die edleren Tropfen kaufen würden. Die kamen zuletzt. Wenn die Geschmacksknospen schon tot und das Hirn schon aus ist. Clever. Die gereichten Häppchen sind eine Beleidigung für jeden Hungrigen der Welt. „Sie sollen den Magen nicht verschließen“, erklärt der Veranstalter. Nun gut. Je hungriger die Leute, desto schneller wirkt der Wein. Manche Nasen werden jetzt schon rot. Dabei sollen noch vier Weine verkostet werden. Eine Frau am Nebentisch lacht zunehmend lauter. Mein Glas ist schon wieder leer. Aber entgegen meiner Befürchtung wird es sofort ersetzt. Bei manchen Freibierparties stand ich zwanzig Minuten an, um den nächsten Schwung Pappbecher gereicht zu bekommen. Aber hier ist man wirklich erpicht darauf, die Mäuler zu stopfen. Sollte die gehobene Klasse des Alkoholismus vielleicht doch ihre Vorzüge haben?

20.30 Uhr. Der zweite Wein wird gereicht. Der Veranstalter hält wieder eine kurze Rede über das Weingut und den Geschmack der Traube. „Ein voller, freundlicher Wein“, sagt er. Ich bin stutzig. Das ist doch nur Wein. Erzählt mir Heinz von der Currybude, dass es eine freundliche Wurst ist? Wenn der so einen Mist erzählt, wird er von seiner Kundschaft verhauen. Zu recht! Hier gibt es stattdessen Beifall. Selten habe ich mich so deplatziert gefühlt. Abgesehen von dem Tag, an dem ich durch ein Missgeschick in einer Frauentoilette stand und drei ältere Damen von absurder Leibesfülle herein rollten, die mich ansahen, als wäre ich der Antichrist.
„Man kann eine Spur Zitrone herausschmecken“, sagt jemand. Ich schmecke nichts. Nur Wein. Missmutig nehme ich noch einen Schluck und verfluche den Tag mitsamt dem Abend.


© Rainer Sturm / pixelio.de

21.19 Uhr. Der dritte Wein stammt aus Spanien.
„Es ist ein ehrlicher Wein.“
„Inwiefern?“, höre ich mich denken. „Hat er dir gesagt, dass deine Krawatte wie eine optische Täuschung aussieht und das Aftershave mich am Abgrund der Bewusstlosigkeit tanzen lässt?“
Aber ich sage nichts. Die etwa 50 Gäste nicken bedächtig, riechen am Wein und schlürfen und schmatzen. Einer reibt sich eloquent übers Kinn. Die Pinguin-Dame hält mir ein Silbertablett hin. Darauf liegt Kacke.
„Was ist das?“
„Olivencreme.“
„Nein, danke.“ Die volle, freundliche, ehrliche Plörre hat meine Magenwände betäubt. Ich spüre keinen Hunger mehr. Meine kleinen Finger auch nicht. Aber das passiert mir öfter. Es ist das Zeichen, dass der Wein im fortgeschrittenen Stadium wirkt. Die Kellnerin schenkt mir ein entschuldigendes Lächeln. Sie nötigt mir ein wenig Mitleid ab. Sie kann nichts dafür, dass sie uns diesen Mist servieren muss. Aber peinlich sollte es ihr schon sein. Als die „original kubanischen Klänge“ vom Peter-Müller-Quartett [Name von der Redaktion nahezu beibehalten] wieder einsetzen, verlasse ich den Saal und stelle mich vor die Tür. Raucher werden heutzutage wie Aussätzige behandelt. Kacke essen ist gesund, aber Nikotin bringt dich unter die Erde! Verrückte Welt. Ich blase einsame Rauchringe in die Nacht.

22.01 Uhr. Das erste Glas des vierten Weins verschütte ich auf der weißen Tischdecke. Ich hatte geahnt, dass ich nicht lange unentdeckt bleiben würde. Während ich draußen war, hat jemand Brot auf den Tisch gestellt. Zu gnädig. Aber das Körbchen ist fast leer. Wie die Geier müssen sie sich darauf gestürzt haben, geifernd und sabbernd. Während der Wind meine Rauchringe fraß, fraßen sie das mickrige Brot. Eine Szene aus Polanskis „Der Pianist“ fällt mir ein – ein heruntergekommener Mann schlürft gierig eine in den Dreck gefallene Portion Linsen von der Straße. Ich lächle heimlich und werfe in einer vorgeblich unbeabsichtigten Handbewegung das Glas um. Das ist infantil, ich weiß, aber irgendwie muss man seinem Frust ja Luft machen. Und daneben benehmen darf ich mich nicht. Jedenfalls nicht zu sehr. Also muss es bei subtilen Unmutsäußerungen bleiben.
Die Pinguin-Dame tupft unbeholfen im Cabernet herum. Irgendwoher kommt eine Hand und reicht mir ein neues Glas. Was für ein Service. Am lustigsten ist, dass der Veranstalter seine freundliche, ehrliche Lobpreisung des Weines wegen der plötzlichen Hektik unterbrechen muss. Ich grinse nach innen hinein und nehme dann einen Siegerschluck aus dem frischen Glas. „Dem hast Du’s gezeigt“, gratuliert mein Gewissen, aber ich höre die Ironie heraus. Ich sehe auf die Uhr und der Veranstalter lobpreist seinen Wein weiter, als wäre er ein guter alter Freund. Was er wahrscheinlich auch ist. Eine SMS meines Chefredakteurs erreicht mich. Das Interview wird verschoben. Glück gehabt.

22.16 Uhr. Irgendwo lacht die nervtötende Frau wieder. Ihr Gelächter schallt durch den ganzen Saal und unterbricht das Gespräch zwischen der Kellnerin und mir. Sie kommt mir viel hübscher vor, als zu Beginn. Dass mich das nicht skeptisch macht, macht mich skeptisch. Aber ich kann den Gedanken nicht zu Ende bringen, weil das Drecksvieh schon wieder lacht. Als ich meinen missmutigen Blick wieder auf die Kellnerin richte, habe ich vergessen, dass ich skeptisch sein sollte und drücke ihr eine Serviette mit meiner Telefonnummer in die Hand. Auch das macht mich skeptisch. Sowas tue ich sonst nicht. Auf der Suche nach meinen Beweggründen versacke ich jedoch.

22.51 Uhr. Der letzte Wein schmeckt nach Keller. Vielleicht liegt das aber auch an der Parmesan-Oliven-Lachs-Mischung, die ich mir grade aus purem Überdruss in den Mund gesteckt habe. Selbst mit meinen abgetöteten Geschmacksknospen konnte ich noch wahrnehmen, dass ich selten so etwas Widerliches gegessen habe. Auf dem Barhocker sitzend drehe ich mich suchend nach der Kellnerin um. Eine der beiden Mittvierzigerinnen am Tisch zupft mir ein wenig Lachs aus dem Bart. Ich bedanke mich, sehe sie aber skeptisch an. Das war ein wenig zu mütterlich. Von mütterlich ist es nur ein klitzekleiner Schritt zu notgeil. „Schachmatt, Gin und Yahtzee, Señorita“, denke ich und freue mich über meinen Scharfsinn. Ich spiele mit dem Gedanken, noch einmal vor die Tür zu gehen und ein wenig zu rauchen, aber der Gedanke verfliegt zu schnell. Das Peter-Müller-Quartett verabschiedet sich und wird von schlechtem Dixieland ersetzt. „Blauzüngige Bonzen plappern behänden Blödsinn“, stabreime ich vor mich hin. Eine Frau in den 30ern versucht von ihrem Barhocker aufzustehen und fällt dabei mitsamt ihrem Nachbarn und einem Teil der Dekoration auf den Teppich. „Soweit ist es schon“, denke ich und nehme mein Glas mit nach draußen. Dort steht die Kellnerin, lautlos rauchend und von einem sakralen Schein umgeben. Der kommt von den Flutlichtern, die das Gebäude nachts anstrahlen, aber das wird mir erst am nächsten Tag klar. Eine Turmuhr schlägt elf.
„Nicht deine Party?“ Ihre Stimme klingt sehr angenehm.
„Deine Stimme klingt sehr angenehm.“ In meinem Kopf schreit jemand, dass ich so einen Mist nicht sagen sollte, bevor auch sie genug Wein getrunken hat. Von wegen >in vino veritas<. Der ehrliche Wein macht mich zu einem dämlichen Betrunkenen. Wie Stephen King in „Das Leben und das Schreiben“ sagte: Wir sehen alle ziemlich gleich aus, wenn wir in die Gosse kotzen. Da hat er recht - wovon man besoffen ist, ist scheißegal. Da kann man sich ganz vornehm mit Wein zulöten, oder ganz ordinär mit Oettinger – besoffen ist besoffen. Ich verfluche den Wein und auch das Bier und den Alkohol in seiner komplexen, ehrlichen Gänze und rauche schnell zu Ende.
„Danke“, sagt die Kellnerin. Ich habe vergessen, wofür sie sich bedankt.
„Gern geschehen.“ Was auch immer.
Kellnerin ab.

23.07 Uhr. Endstadium. Ich beschließe, nicht noch einmal reinzugehen, das Glas zu klauen und die Kellnerin zu vergessen. Der Wein ist mir inzwischen so zuwider, dass ich ihn melodramatisch in einen Springbrunnen kippe und dazu das Musikthema aus „Der Pate“ pfeife. Das Glas nehme ich trotzdem mit. Ich trage es noch immer mit mir herum, als ich in meine neu erwählte Lieblingsbar in Köln gehe, das „Zum Stiefel“, eine ranzige, billige, urige Kneipe mit Aufklebern und Postern und guter Musik. Ich stelle das Weinglas auf den Tresen und ernte einen skeptischen Blick vom Barkeeper.
„Darin liegt Wahrheit“, artikuliere ich. Der Barkeeper lächelt. Wahrscheinlich hat er meine blaue Zunge gesehen. Er öffnet mir eine braune Flasche Bier und stellt sie neben mein Glas.
„Darin noch mehr“, sagt er.
Noch nie hat ein Bier so gut geschmeckt. Und ich habe schon viele getrunken. Es muss mehr Wahrheit im Bier liegen. Zumindest für mich. Wenn ich mich beim Trinken nicht wohl fühle und mich als Person verstellen muss, um in der Gesellschaft nicht aufzufallen, kann darin nicht sehr viel Wahrheit liegen, oder? Nein, ich bin keine Bonze, kein Trinker gehobener Klasse. Für mich liegt die Wahrheit in einem schlichten Bier und einer dunklen Kneipe. Dafür entschuldige ich mich nicht. In cervisia veritas! Ich spiele kurz mit dem Gedanken, das Bier inhaltsschwanger aus dem bauchigen Weinglas zu trinken, entscheide mich aber dagegen. Stattdessen gehe ich vor die Tür, trinke mein herrliches Getränk aus herbem Hopfen, frischem Quellwasser und einer Spur Mais und werfe das Glas theatralisch auf die Straße. Infantil, ich weiß. Aber irgendwie muss man ja Statements machen. Darin liegt nämlich Wahrheit.


© ingo anstötz / pixelio.de

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Freitag, 22. Juli 2011
Der letzte Gentleman
Wenn man in eine neue Stadt kommt und dort umständehalber wohnen muss, gleicht das Gefühl dem Laufen durch Nebel. Man weiß, dass außerhalb dessen, was man sehen kann, mehr ist. Man bewegt sich zuerst nur auf den Pfaden, die man kennt, etwa weil es der Weg zur Arbeit ist oder zum Supermarkt. Mit meiner neuen Quasi-Wahl-Heimat bin ich noch nicht warm geworden, weil ich diese Pfade bisher nicht verlassen habe. Ich versuche zwar, meinen Weg zur Arbeit jeden Tag ein bisschen zu variieren, damit ich mehr von der Stadt sehe und sich ein Gefühl von „Ich kenne mich hier aus“ einstellen möge, aber das reicht wohl nicht. Am Dienstag allerdings überkam mich an einer Haltestelle zumindest ein kleines Gefühl von Vertrautheit. Das hatte seinen Ursprung nicht in geographischen Wiedererkennungswerten, sondern im Anblick einer stolzen Mutter. Sie war etwa 17 und schob mit apathischem Blick einen Kinderwagen vor Ihrem erneut schwangeren Bauch her. Die Glut ihrer Zigarette versengte fröhlich den Filter und die zu Schlitzen verengten Augen waren ein Gedicht aus Hass und Schmerz.

Warum mich dieses ekelhafte Kölner Weibsbild mit einem warmen, wohligen Gefühl erfüllte, erkläre ich natürlich gern. Es liegt nicht etwa daran, dass meine Mutter mich unter dem aggressiven Kribbeln eines Nikotinflashs entbunden hätte, sondern hängt viel mehr mit einem Vorkommnis zusammen, das sich wenigen Wochen bevor ich Leipzig verließ, abspielte.
Bekanntlich fließt ein Großteil des Solidaritätszuschlags und diverser anderer Subventionen vorbei an Gera und Halle und landet in Leipzig. Das ist schön. So konnten wir uns neben neuen Straßen und einer U-Bahn mit drei Haltestellen auch eine Flotte todschicker Straßenbahnen leisten, die so leise sind, dass sie ständig jemanden überrollen. Sie sind umwerfend klimatisiert und die Sitze sind mit edlem blauem Stoff bezogen. So weit so gut. Vor wenigen Wochen also, kurz bevor ich hierher übersiedelte, schlief ein so genannter „Penner“ dort, halb sitzend, halb schwebend, in einer Position in der nur grotesk alkoholisierte Menschen im Stande sind zu schlafen. Ich möchte ihn James nennen. In jeder Kurve, die die Bahn nahm, pendelte James bedrohlich über dem Abgrund zu seinen Füßen und es kam, wie es kommen musste – als die Bahn eine starke Linkskurve nahm, fiel er von seinem Sitz in den Gang. Das tangierte ihn nicht weiter. James schlief den Schlaf der Durchzechten und drehte seinen stinkenden Körper nur ein wenig, damit er bequemer liegen konnte. Gut für ihn. Warum sollte er es sich nicht gemütlich machen, wo er schon mal lag?
Ohne aufzuwachen pisste er schließlich in den Gang. Ein Rinnsal, dessen dunkelgelbe Farbe von starker Dehydrierung zeugte, bahnte sich seinen Weg, den leichten Fliehkräften folgend, die die Bahn in ihrer Bewegung verursachte und floss wie ein neugieriges Tier mal auf diesen Sitz zu, mal auf jenen. Ein junger Mann, dessen Platz der Urin demnächst passieren würde, stand empört auf und setzte sich woanders hin. Ein paar Minuten später, wahrscheinlich als seine Unterwäsche wieder erkaltete, wachte James auf, was übertrieben formuliert ist, und hievte sich wieder auf den Sitz. Zwei Haltestellen später dann kam es zu dem Ereignis, von dem ich berichten will.

Eine alte Dame betrat, ihren Rollator unter großer Anstrengung in die Bahn wuchtend, die Bühne, parkte ihre Gehhilfe in der dafür vorgesehen Lücke, schritt gleichgültig oder halb blind durch die Pisse und sprach zu dem Mann mit nasser Hose: „Würden Sie bitte aufstehen?“ Es war nur gerechtfertigt – die Bahn war relativ voll und James, unser Körperfunktionsanarchist, saß unmittelbar neben der Stelle, die für Rollstühle, Kinderwagen oder eben Rollatoren vorgesehen ist. Und da alle anderen Plätze auch besetzt waren und sie in der Nähe ihrer Gehilfe bleiben wollte, bat sie den Passagier auf dem nächstgelegenen Sitz um seinen Platz. Dieser erwachte halbwegs und schaute die Dame desillusioniert an. Sie wiederholte ihre Bitte.
„Nein“, sagte James. Sie wiederholte ihre Bitte noch einmal. Dieses Mal nachdrücklicher. So viel vermeintliche Unhöflichkeit war ihr vermutlich noch nie untergekommen. Er lehnte ihren Antrag wieder ab. „Stehen Sie jetzt bitte auf?!“
Ein Schwall geronnenes Sächsisch verließ seinen Schlund. Er schien völlig empört zu sein, dass die Frau so hartnäckig war und sagte etwas, das kurz zusammengefasst beinhaltete, dass er auf keinen Fall aufstünde und sie sich verdammte Scheiße nochmal einen anderen Platz suchen solle. Die Stimmung war ein wenig gedrückt. Einige Haltestellen später stieg die Dame aus und schließlich auch unser urinierender Freund - wie es der Zufall wollte, an der gleichen Haltestelle, wie ich.

Ich habe ihn nicht geschlagen, oder ihm die Testikel mit Angelsehne abgetrennt - nur um das gleich vorweg zu nehmen. Ich tat gar nichts. Ich sah zu, wie er ausstieg, einen überaus reumütigen Blick auf den feuchten Sitz warf und sich schließlich davonstahl. Aber es war eben jener Blick, der mich glauben ließ, dass dieser Mann, der sturzbesoffen in die teure Leipziger Straßenbahn gepisst hatte, der letzte Gentleman der Welt ist. Er hatte sich, obwohl es seinen Prinzipien widersprach und die Missgunst aller Mitfahrer auf ihn zog, geweigert, zuzulassen, dass die alte Dame sich auf den Sitz setzte, der nass von seiner Pisse war. Das ist Heldenmut. Gut, er wurde erst nötig durch die bemerkenswerte Asozialität des „Helden“, aber doch war er bereit das Opfer zu bringen.

Leipzig war voll von solchen Kreaturen; nicht von Helden, sondern von Leuten, die morgens um zehn so betrunken sind, dass sie ihren Körperfunktionen freien Lauf lassen. Man konnte nicht spucken, ohne einen solchen Halbmenschen zu treffen. Und in Köln schien das so viel anders zu sein. Ich habe in dem ganzen Monat, den ich inzwischen hier wohne, nicht einmal jemanden gesehen, der sich eingepisst hätte. Erstaunlich! Vor zwei Wochen sah ich sogar einen Pfandsammler, der ein weißes Anzughemd trug. Was für eine bornierte Stadt! Selbst die Penner sind eitel. Aber der Anblick jener griesgrämig dreinblickenden Teenager-Mutter am Dienstag früh, die das plärrende Balg im Kinderwagen mit einem Blick strafte, der sensible Menschen zu Tränen hätte rühren können, war ein kleines Gefühl von Heimat. Sie schnippte ihre Kippe weg und stieg schließlich in die Bahn. Sie würde wahrscheinlich nicht dort drinnen pinkeln. Aber man soll ja nicht zu viel erwarten. Denn wie Dorothy sagte: „Es ist nirgends schöner, als daheim.“

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Montag, 9. Mai 2011
Plädoyer für die Hoffnung
In der Zeit, als ich Sachbearbeiter bei einem Versicherungsunternehmen war, hatte ich es mit einem tragischen Kfz-Schadensfall zu tun über den ich noch heute manchmal nachdenke:
Im Juni 2008 ist die 22-jährige Leonie auf dem Heimweg. Sie kommt von ihrem Freund, der ihr wahrscheinlich liebevoll den Bauch gestreichelt hat. Denn Leonie ist schwanger. Im siebten Monat. Der Abend neigt sich dem Ende und sie will noch von Wolfsburg zurück nach Braunschweig fahren. Es sind nur 30 Kilometer, aber es ist inzwischen schon dunkel geworden und Leonie hat am nächsten Früh einen Arzttermin. Deswegen übernachtet sie nicht bei ihrem Freund. Sie verabschieden sich und Leonies schwarzer VW Polo verschwindet in der Dunkelheit.
Auf der A39, nur wenige Kilometer von ihrer Ausfahrt entfernt, trifft das Schicksal von Leonie und ihrem ungeborenen Kind auf das Schicksal einer Französin, die auf dem Weg nach Berlin ist und sich verfahren hat. Sie fährt in entgegengesetzter Richtung und wundert sich, warum ihr Navigationsgerät sie auf die Ausfahrt des winzigen Ortes Cremlingen schickt. Wahrscheinlich möchte sie endlich in Berlin ankommen und ist genervt, weil sie vom richtigen Weg abgekommen ist. Sie wechselt auf die linke Spur und überholt einen LKW. Als sie wieder auf die rechte Spur wechselt, gerät der Wagen ins Schlingern.
Leonie sieht die Scheinwerfer über die Leitplanken hinweg, wie sie erst nach links und dann nach rechts rasen. Plötzlich steuert der Wagen wieder nach links und die Schweinwerfer erfüllen den Polo mit grellem Licht.
Die Französin ist sofort tot, als ihr Auto nahezu ungebremst auf die Leitplanke trifft. Der Aufprall ist so stark, dass auf der Gegenfahrbahn einer der Pfeiler reißt, die die Leitplanke halten. Das 60 Zentimeter lange Stück Metall schießt quer über den Fahrstreifen, durchschlägt das Fenster auf der Fahrerseite und trifft Leonie am Kopf.
Die Sanitäter sind nach sechs Minuten am Unfallort. Zwei Minuten später ist Leonie tot. Splitter des Schädelknochens sind in ihr Hirn eingedrungen und haben jede Rettung unmöglich gemacht.
21 Minuten später wird ihre Tochter geboren. Sie lebt und ist völlig gesund. Ihr Name ist Cassidy. Als Leonies Vater drei Monate später in meinem Büro sitzt und die letzten Versicherungsangelegenheiten regelt, hat er das Mädchen dabei. Sie ist in einen fliederfarbenen Fleecestrampler gehüllt und versucht gurrend die Reflektionen zu fangen, die die Sonne auf den Tisch wirft.

Dieser Unfall auf der A39 löste eine Reihe von baulichen Instandsetzungsmaßnahmen auf den Autobahnen im südlichen Niedersachsen aus. Am Unfallort wurde auf einer Länge von 12 Kilometern die Leitplanke ausgetauscht. Die Höchstgeschwindigkeit wurde heruntergesetzt. Melodramatische Warnschilder wurden aufgestellt, die dazu aufrufen, gemäßigt zu fahren und den Gurt anzulegen. Ein Holzkreuz gibt es jetzt auch.
Von all dem wusste die kleine Cassidy nichts. Ich sah zu, wie sie das Interesse an den schillernden Reflektionen verlor und sich stattdessen darin versuchte, einen großen Gummiball zu verschlingen. Ich fragte mich, wie hoch wohl die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Unfall wie dieser geschehen kann. Laut den statistischen Berechnungen des zuständigen Versicherungsunternehmens, war sie sehr hoch. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass ein junges Mädchen dabei auf diese Art und Weise stirbt, und danach ein gesundes Mädchen zur Welt bringt, war verschwindend gering.
Paradoxerweise wurde Cassidy durch die Tatsache gerettet, dass ihre Mutter keinen Sicherheitsgurt angelegt hatte und sofort bewusstlos wurde, als der Pfeiler sie traf. Leonie hatte in irgendwelchen Ratgebern gelesen, dass Gurte das Kind eher gefährden als schützen, wenn es zu einem Unfall kommt. Und weil sie auf der Stelle bewusstlos wurde, konnte sie keine Notbremsung machen, die sie gegen das Lenkrad gepresst und das Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit verletzt hätte. Stattdessen rollte der Wagen auf der Autobahn aus, ohne auch nur einen Kratzer abzubekommen. Unwahrscheinlich? Ja, allerdings.

1993 erhielt der Ingenieur Robert Faid den Ig Nobelpreis der Sparte Mathematik, weil er errechnet hatte, dass eine Wahrscheinlichkeit von 710.609.175.188.282.000 zu 1 besteht, dass Michail Gorbatschow der Antichrist ist. Aha. Allerdings ist der Ig Nobelpreis ein von der Universität Harvard verliehener Preis, der nicht unbedingt ernst gemeint ist. Dennoch - wie unwahrscheinlich etwas auch sein mag, die Wahrscheinlichkeit ist trotzdem da. Damit meine ich nicht, dass Gorbatschow vielleicht doch der Antichrist ist, sondern dass Statistiken und Wahrscheinlichkeiten einen Scheißdreck aussagen.
Der Fall von Leonie und ihrer Tochter wurde für mich im Laufe der Zeit zu einer Art Plädoyer für die Hoffnung und die Unvorhersehbarkeit der Dinge. „Wer weiß, wozu es gut ist?“, pflegt meine Großmutter zu sagen. Recht hat sie.

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Montag, 28. März 2011
Zahnarzt unter Denkmalschutz


Das ist der Kirchturm von Alt-Graun. Im Winter. Alt-Graun liegt in Tirol. Der geistesgegenwärtige Leser wird sich jetzt diverse Fragen stellen. Warum baut jemand einen Kirchturm ohne Kirche? Wieso steht die vermutete Kirche offensichtlich außerhalb des Ortes? Und weshalb ist es in Tirol schöner als in Espenhain? Zumindest die ersten beiden Fragen wird der Verfasser demnächst beantworten.

Ich erinnere mich noch sehr genau an den Tag, als ich zehn Jahre alt war und meine Mutter mich zum Zahnarzt brachte, auf dass er mir die letzten Milchzähne raussäbeln würde. Gern war ich dort nicht, aber ich mochte den Arzt. Ein hochgewachsener Mann mit dickem Schnauzbart und angenehmer Stimme. Im Nachhinein betrachtet waren die Arzthelferinnen auch sehr hübsch. Aber das ist mir in Kindertagen noch nicht aufgefallen. Zweimal im Jahr saß ich routinemäßig in dem Wartezimmer, atmete den typischen Kampfergeruch des Etablissements ein und zählte nervös die unzähligen Dreiecke auf der Tapete, während meine Mutter seelenruhig neben mir saß und in Frauenzeitschriften blätterte. Als mein Nachname durch den Lautsprecher krächzte, zuckte ich innerlich zusammen. Fast wurde ich vom Fluchtreflex übermannt. Wir gingen den Flur entlang, vorbei an den Folterräumen, und ich legte mich demütig auf den Stuhl. Ein bisschen Herumkratzen hier, ein bisschen Gucken da und ehe ich wusste wie mir geschah, hatte ich wieder die Spritze im Zahnfleisch und schmeckte das Betäubungsmittel. Während der Arzt darauf wartete, dass mir die Mimik entgleiten würde, plauderte er mit meiner Mutter und packte schon mal die silberne Zange aus, als würde er mir eigentlich gar nichts tun wollen, dieser perfide Mistkerl. Aber ich wusste, es musste getan werden und danach dürfte ich wieder in die große Schale greifen, die hinter ihm auf dem Fensterbrett stand und mir ein billiges Plastikspielzeug mitnehmen. Ich hoffte auf ein Auto.
Doktor Sowieso fuhrwerkte mir kurz darauf mit seinen behandschuhten Pranken im Mund herum, warf meine Zähne in eine nierenförmige Schale, wie es die zwielichtigen Ärzte in Mafiafilmen mit entfernten Geschossen tun und ließ mich dann spülen, so gut es mit taubem Gesicht eben ging.
In frühesten Kindertagen hatte ich meine Zähne immer mitnehmen dürfen, verlor aber schnell das Interesse an den Kostbarkeiten der oralen Region. Die Zähne konnte er haben. Ich wollte mein Spielzeug und dann nach Hause gehen. Als mein Blick auf besagte Schale im Fenster fiel, sah er mich halb strafend, halb mitleidig an und sagte den Satz, der mir bis heute in den Ohren klingt: "Bist Du nicht schon ein bisschen zu alt für Spielzeug?" Ich wollte etwas sagen, sabberte aber bloß. Scheiß-Betäubung! Meine Mutter stimmte in den destruktiven Kanon ein und bejahte die Frage des Arztes. Frustriert wurde ich aus der Praxis geführt. Statt des Spielzeugs, das mir meiner Meinung nach zustand, hatte ich den nächsten Termin in der Tasche.
Wie konnte er glauben, dass ein 10-Jähriger zu alt sei für die kleinen Freuden eines Zahnarztbesuches?!
Gestern noch hatte ich sorgenlos das Leben eines Kindes geführt; heute stand ich an einer Bushaltestelle, mit sediertem Gesicht und zwei Zähnen weniger als gestern. Stattdessen brannte sich die Erkenntnis in mein Hirn, dass die Zeiten sich verdammt schnell ändern können, schneller, als einem lieb ist.

Diese Erkenntnis mussten auch die Einwohner von Alt-Graun gehabt haben. Am 9. Juli 1950 hielt der Pfarrer die letzte heilige Messe. Viele weinten. Zwei Wochen später wurde die Kirche gesprengt. Und der Rest des 700-Seelen-Dorfes auch. Dann kam die Flut. Ein Stausee wurde angelegt, der das Land unter Wasser setzte. Alles, was heute noch von der einstigen Existenz eines Ortes namens Alt-Graun zeugt, ist der aus dem Reschensee ragende Kirchturm. Der wurde nicht gesprengt, weil er über 650 Jahre alt ist und unter Denkmalschutz steht. Gestern noch das beschauliche Heimatstädtchen, heute schon unter Wasser. Tja, Zeiten ändern sich. Manchmal schneller, als einem lieb ist.
Touristen, die an den Reschensee fahren, werden vom Reiseleiter mit der Geschichte des einsamen Kirchturmes belustigt. Und auch ich kann heute über den damaligen Zahnarztbesuch lächeln. Zum Glück. Sonst würde ich vielleicht, in einem verspäteten Akt der Melodramatik, den werten Doktor an seinen Stuhl fesseln und seine Praxis so weit fluten, dass er unter der Oberfläche liegt. Alles, was von seiner Existenz bliebe, wäre die grell leuchtende Lampe, die wie der Kirchturm aus dem Wasser ragt; als Rudiment einer Erinnerung - ein Zahnarzt unter Denkmalschutz, der als Symbol für meine unbeschwerte Kindheit herhalten muss. Für jene Zeit, als es noch Spielzeug geben durfte.

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Samstag, 5. März 2011
3 Arten von unangenehmen Kollegen
Psychologie ist ein interessantes Thema. Sie gestattet uns, selbst irrationalstes Gedanken- und Tatengut vermeintlich objektiv zu betrachten und logisch erklären zu können. Nehmen wir als Beispiel den so genannten "Rapport". Dieser Begriff bezeichnet die Anpassung zweier Menschen im Laufe eines Gespräches aneinander. In der Unterhaltung mit dem Gegenüber gleicht sich unbewusst die Atmung an, die Stimmlage und die Gestik. Nonnen im Kloster bekommen sogar irgendwann zur gleichen Zeit ihre Menstruation. Das schafft eine Art Vertrauensbasis - man empfindet sein Gegenüber als angenehm. Die Leute, die Ihnen an der Haustür dubiose Verträge andrehen wollen, werden darauf geschult, schnell Rapport aufzubauen, indem sie etwa ihre Atmung bewusst an Ihre anpassen. Wie das mit der Menstruation aussieht, weiß ich nicht. Wie einfach der Mensch doch zu manipulieren ist, ist oft erschreckend. Sind wir vielleicht doch nicht so komplex wie wir es gern hätten und gleichen in unserer Vielschichtigkeit weniger einer Zwiebel, als viel mehr einem geschälten Radieschen? Man weiß es nicht. Worauf ich heute hinaus will ist das, was man den Mere-Exposure-Effekt nennt. Was das ist, erkläre ich gleich.

Kollegen sind ein heikles Thema. Sie führen uns ständig vor Augen, wie durchschnittlich der Mensch als solcher doch ist. An praktisch jedem Menschen, mit dem man beruflich zu tun hat, sieht man eine ganze Reihe von Makeln. In meiner bisher eher kurzen Zeit als Rädchen in größeren Systemen sind mir schon mehrfach drei spezielle Typen von minderwertigen Mitarbeitern untergekommen.

Da wäre zum Einen der Typ zu erwähnen, den ich "Der Maximal-Akustiker" nenne. Er pfeift, führt Selbstgespräche, raschelt, kramt und macht permanent vor sich hin. Wenn man sich mit diesem Menschen ein Büro teilt, flirren die Nerven schon nach kürzester Zeit. Aber wie gebietet man jemanden Einhalt, der ohne es zu merken ständig Geräusche verursacht? "Mach mal leise!"? Damit wird er nichts anfangen können. "Hör auf zu pfeifen, Du Arsch!"? Ja, das wäre eine Möglichkeit, aber da der Maximal-Akustiker sich seiner fabrizierten Geräuschkulisse nicht bewusst ist, wird er sie auch kaum herunterregeln können. Mal ganz davon abgesehen, dass die werten Mitmenschen oft ungehalten reagieren, wenn man sie beleidigt und unverhofft Gegenstände nach einem werfen. Man muss sich also in sein Schicksal fügen und den Maximal-Akustiker ganz einfach ertragen.

Zum Zweiten hätten wir den "Anfasser". Der Titel erklärt den Inhalt dieses Stückes. Der Anfasser fasst an. Ständig, immer wieder. Eine kleine Berührung an der Schulter, ein vertrauensseliges Über-den-Rücken-Streichen, all das macht diese Art mit einer brachialen Selbstverständlichkeit. Ich bin kein Berührungsphobiker, aber das ständige Gefummel übersteigt irgendwann doch den Grad des Erträglichen. Im Gegensatz zum Maximal-Akustiker kann man dem Anfasser recht einfach klar machen, was er bitte zu unterlassen hat. Als mir vor ein paar Wochen ein Anfasser durch den Bart strich, hatte ich deutliche Worte zu sprechen. Das tat mir ein wenig Leid, weil dieser Mann ein guter Kerl ist und mir oft Sympathie abgewinnt - was bei einem chronischen Menschenhasser eine große Leistung ist. Aber was würde nach dem Kraulen durch den Bart folgen? Ein Kuss auf die Stirn? Lässt er im Kühlhaus ein Stück Seife fallen und leckt mir dann unverhofft über den Anus? Ich will gar nicht dran denken!



Der dritte Typ ist "Die Wichtige". Sie lebt und stirbt in dem Glauben, noch "unheimlich viel zu tun" zu haben. Ihr Gesichtsausdruck ist ständig gehetzt und sie trägt einen PDA bei sich, als wäre es ein externer Herzschrittmacher. Was sie dabei übersieht ist die Tatsache, dass alle anderen genau so viel zu tun haben wie sie selbst und sie sich einfach nur in ihrer aufgeplusterten Importanz suhlt, damit ihr nicht bewusst wird, dass sie kein Privatleben hat und wie ersetzbar sie in ihrem Job ist. Von den drei nervtötenden Kollegengattungen ist sie mir die unangenehmste, weil sie sich darüber im Klaren ist, was für eine Show sie abzieht. Sie macht das nicht unbewusst! Hier stellt sich wieder die Frage: "Was tun?" Wenn man ihr sagt, dass sie mal einen Gang runterschalten und hier nicht so einen Wind machen soll, wird sie empört loszetern, dass sie "noch unheimlich viel zu tun" hat, während sie wichtigtuend auf die Uhr sieht. Man kann sie eigentlich nur erschießen.

Alle drei Typen dieser abstoßenden Kollegen laufen reihenweise durch Deutschlands Büros und verursachen Nervenzusammenbrüche und Amokläufe. An dieser Stelle schließe ich den Kreis und erläutere den Mere-Exposure-Effekt. Dieses Phänomen besagt, dass je mehr Zeit man mit einem Menschen verbringt, er einem umso sympathischer wird. Das wird zum Beispiel in der Werbung angewendet - je öfter man einen bestimmten Spot sieht, desto wohlwollender ist man dem Produkt gegenüber. Bloße Vertrauheit erzeugt also Sympathie. Ist das nicht Scheiße? Ja, das ist es! Man kann mit dem größten Arschloch der Welt zusammen arbeiten, und würde es nicht mal merken! Unterscheiden wir uns denn in unserer Berechenbarkeit so wenig vom geschälten Radieschen?! Leider nein. Das Einzige, was einen Hoffnungsschimmer zumindest erahnen lässt, ist die Tatsache, dass der Mere-Exposure-Effekt nur dann funktioniert, wenn der allererste Kontakt nicht negativ gewertet wurde. Wenn Sie also einem Anfasser vorgestellt werden und er sie gleich beim ersten Mal unsittlich an der Schulter berührt, wird Ihre anfängliche Abneigung immer stärker werden. Mit jeder seiner Berührungen wächst die Saat des Hasses. Das ist schön...finde ich. Aber vielleicht kann ich da nicht unbedingt als Vorzeigekandidat gelten. Objektivität ist ja nicht so meine Sache. Stattdessen freue ich mich, dass ich niemanden mit meiner Geräuschkulisse belästige, niemanden berühre, wenn es nicht angebracht ist, und meinen pozenziellen Stress nicht mit mir herumtrage wie einen stinkenden Mantel.

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Dienstag, 15. Februar 2011
Im Namen des Volkes?
Manche Dinge nimmt man als gegeben hin. Zum Beispiel dass die Erde sich um die Sonne dreht, dass Omas Kekse die besten sind und dass man wegen grobem Unfugs verhaftet wird, wenn man auf einer Großdemo Polizeihunde mit Würstchen füttert.
Aber wenn man älter wird, erkennt man recht schnell, dass es sehr wohl bessere Kekse gibt, als die von Oma. Nicht viele, aber ein paar schon. Und dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht etwa andersherum war noch vor ein paar Hundert Jahren nichts, was man laut hätte sagen dürfen, wenn man nicht umgehend der Blasphemie bezichtigt und in den Turm geworfen werden wollte.
Vor einiger Zeit kam mir ein Gedanke, der sehr hohe Wellen schlug und mich bis heute beschäftigt. Auf den ersten Blick klingt er bescheuert: "Warum bin ich dazu verpflichtet, Gesetze einzuhalten?"

Nachdem man diese Worte kurz hat sacken lassen, fällt dem reflektierenden Leser ja vermutlich doch auf, dass es eine Art Zirkelschluss ist, wenn man bestraft wird, weil man gegen etwas verstoßen hat, dass man nie anerkannt hatte. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Wenn ich mich im Sommer in den Park stelle und grille, dazu ein paar Freunde einlade und irgendwann mal pinkeln muss, wird mich der lange Arm des vermeintlichen Gesetzes zu 10 Euro wegen Wildurinierens verdonnern. Andererseits dürfen Hunde sogar noch ganz andere Dinge in aller Öffentlichkeit tun.
Irgendwann muss jemand gesagt haben: "Ich find's nicht gut, dass Menschen gegen Bäume pinkeln. Das gehört verboten!" Und seither muss man, wenn man muss, irgendwo eine Toilette finden, die nach Hygienevorschrift gebaut ist, doppelt isoliert und dreifach gewischt wurde und eine Genehmigung nach DIN Schlagmichtot erhalten hat. Reinste Schikane! Schließlich tut es dem Baum nicht weh und ich erspare mir unnötiges Herumgerenne mit voller Blase. Und Wasser spart Wildurinieren auch noch. Aber das hier soll kein Plädoyer für die Freiheit des Urins werden. Also zurück zum Thema: In Deutschland gibt es für praktisch alles ein Gesetz. Gern wird die EG-Verordnung zur Einfuhr von Karamellbonbons zitiert. Die gibt es allerdings gar nicht. Egal, wie:
Warum muss ich mich also an Gesetze halten? Ich habe niemals unterschrieben, dass ich das tun würde. Und bei meiner Geburt hat mich auch keiner gefragt, ob ich denn plane, ein Leben im Sinne der Gesellschaft zu führen, oder lieber doch in die Prärie geboren werden möchte. Wer glaubt denn, über uns richten zu können?
Es gibt kein erstes, oberstes Gesetz, das besagt, dass man alle weiter unten stehenden auch zu beachten hätte. Und selbst wenn es das gäbe, müsste ich das wiederum ja auch nicht beachten. Ich nehme an, Sie sehen, worauf ich hinaus will.




Ich sprach mit verschiedenen Leuten darüber, die mich prompt als verrückt abstempelten und etwas vom Wohl für die Allgemeinheit faselten. Als ob es sowas gäbe! Ich bin vielleicht gutgläubig, aber ich glaube nicht, dass man ein StGB braucht, um festzuhalten, dass es sinnvoll ist, wenn wir uns gegenseitig nicht die Sachen wegnehmen. Aber irgendwann, weit in der Vergangenheit, hat ein findiger Kerl mal gedacht: "Ich erlege Euch allen jetzt Vorschriften auf - und wer sie nicht befolgt muss mir ein Huhn bringen. Oder ein paar hübsche Muscheln." Das ist clever von ihm, hat er doch so alle in der Hand und muss nie wieder arbeiten. Und weil niemand das Ganze hinterfragte, hat man irgendwann die ganzen Vorschriften notiert und heute füllen sie ganze Bibliotheken. Ist das nicht erstaunlich?

Erst ein befreundeter Polizist aus Gifhorn gab mir eine Antwort, die mich wirklich befriedigte: "Du musst Dich nicht an Gesetze halten. Dafür gibt's kein Gesetz. Aber bestraft wirst Du trotzdem." Den letzten Teil fand ich überflüssig. Aber ich nahm einen großzügigen Siegerschluck aus dem Glas und lehnte mich in Genugtuung zurück.
Wie anarchistisch und auch gefährlich dieser eine kleine Gedanke ist, kann kaum abgeschätzt werden. Aber da man ja, auch wenn man gar nicht mitspielen möchte, trotzdem bestraft wird, ist es eigentlich völlig egal. Wir pflichtbewussten Bürger haben uns selbst einen Käfig geschaffen. Wenn wir geblitzt werden, zahlen wir Bußgeld, wer ein Haus bauen will braucht starke Nerven und selbst für einmal kurz gegen einen Baum pinkeln gibt es was auf den Deckel. Und keiner findet es anstößig. Verrückte Welt.
Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, manche Dinge einfach so hinzunehmen. Dann würde man jetzt nicht kopfschüttelnd da sitzen und sich überlegen, was man alles anstellen würde, wenn es keine Gesetze gäbe...

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Montag, 31. Januar 2011
Die Volks-Psychose
Manche Dinge funktionieren einfach nicht, auch wenn Viele es glauben. Zum Beispiel ist es völlig sinnlos, einen Silberlöffel in die Sektflasche zu stecken, damit die Kohlensäure sich länger hält. Oder die Münze, die immer wieder durch den Automaten fällt, an der Metallplatte neben dem Einwurfschlitz zu reiben. Was auch nicht funktioniert, ist der plötzliche Wunsch des gewöhnlichen Fußvolkes, jede banale Kleinigkeit unter Datenschutz stellen zu wollen.

Als ich vorhin aus der Redaktion kam und auf die nächste Bahn wartete, stand ich frierend neben dem jobfressenden Fahrkartenautomaten und starrte stumpfsinnig auf die Ecke des Häuserblocks, um die die Bahn in ein paar Minuten biegen würde. Als ob sie durch mein Starren schneller kommen würde...
Jedenfalls erschöpften mich die unter die Kleidung kriechende Kälte und das Gewahrwerden, dass die Bahn nicht planmäßig vorfahren würde so sehr, dass ich mich, ohne hinzusehen, seitlich gegen den Automaten lehnte. Aber diese Position wurde mir sehr schnell untersagt, denn in meiner feierabendlichen Apathie hatte ich gar nicht bemerkt, dass sich eine ältere Dame an dem Gerät eine Fahrkarte organisieren wollte.
>Sie haben wohl noch nie was von Datenschutz gehört, was?!<, wetterte mich das Mütterchen an. Ich war irritiert. Sie sah so freundlich aus mit ihren gütigen Werther's-Echte-Augen und dem falschen Nerz. Tja, der äußere Eindruck täuscht manchmal. >Jetzt gehen sie endlich weg hier, was ich hier mache ist ja wohl meine Privatsache!< Sie wurde zusehends ungehalten mit ihren geschätzten 80 Jahren. Zugegebenermaßen hatte ich mich durch das Anlehnen an den Automaten näher an sie heranbewegt, als es in unseren Kulturkreisen als üblich gilt. Aber was wollte sie nur mit ihrem "Datenschutz"-Argument ausagen? Ich lehnte seitlich an dem elenden Ding und konnte ohne Röntgenblick ohnehin nicht sehen, was sie dort eintippte.
Ich bequemte mich gönnerhaft ein paar Schritte von unserer Agentin weg, bevor ihr datengeschützter Herzschrittmacher noch den Dienst quittierte, oder der Synthetik-Pelz sich als unkenntlich gemachtes Killerfrettchen entpuppte.
Eine Minute später bog die Bahn um die Ecke. Ich versenkte meinen Filter in einem Gulli und freute mich auf eine Flasche Cidre, die ich in der Badewanne zu mir nehmen würde. Aber dann tippte sie mir energisch auf die Schulter.

Ich kann es nachvollziehen, wenn jemand nur ungern seine Kontodaten angibt, oder die Telefonnummer. Und wer bei Google nach einer aufblasbaren Beutelratte sucht, kann sicher sein, dieses Angebot am nächsten Tag in der Randspaltenwerbung jeder zweiten besuchten Website zu finden. Aber das hat mich nie gestört. Auch dass ich ständig vermeintliche Gewinnspiele im Briefkasten habe und allerlei Werbematerial (trotz ablehnendem Aufkleber am Türchen) ist mir egal. Unerwünschte Post schmeißt man weg. Wo ist das Problem?
Aber als eine große Internet-Suchmaschine einen Dienst namens "Street View" einführte, zweifelte ich durchaus an der Zurechnungsfähigkeit mancher Menschen. 244.237 Einsprüche sind aus den 20 Städten, in denen der Dienst gestartet ist, eingangen. - Weil die Anwohner verhindern wollten, dass ihr Haus, das für jeden sehenden Menschen der Welt sichtbar ist, für jeden sehenden Menschen der Welt sichtbar ist. Der Datenschutz-Wahn nahm groteske Züge an. Was kommt als nächstes? Laufen im Winter demnächst ein Viertel Million Menschen mit Atemschutzmasken herum, weil der Vorgang des Ausatmens jedermanns "Privatsache" ist? Oder werden bald Burkas verteilt, die das äußere Erscheinungsbild "überpixeln"?

Als mir die keifende Dame vom Fahrkartenautomaten auf die Schulter tippte, wollte ich schon schreiend flüchten, in der Befürchtung sie würde mich gleich mit ihrem Schirm unfruchtbar machen. Hatten ihr die fünf Meter diskretisierender Datenschutzabstand nicht gereicht?
>Entschuldigung, könnten Sie mir ganz kurz helfen?< Meine Kastrationsfurcht und die anfängliche Abneigung erlagen ihrem gutmütigen Blick. Das Mütterchen kam mit dem Automaten nicht zurecht und fürchtete, die herannahende Bahn zu verpassen. Wir stellten uns Schulter an Schulter vor das Display. >Wo möchten Sie denn hin?< - >Zur Thomaskirche<, sagte sie unverholen. Ich drückte die entsprechenden Tasten und warf das Kleingeld ein, das sie mir hin hielt. Was hatte sie befürchtet, als ich neben ihr an dem Automaten gelehnt hatte? Dass ich Julian Assange anrufe und ihn die Zielhaltestelle einer anonymen Leipzigerin auf "wikileaks" veröffentlichen lasse?
>Vielen Dank<, sagte sie lächelnd und nahm ihren Fahrschein entgegen.
>Gern geschehen...<

Auch wenn es Dinge gibt, die man nicht unbedingt in die Öffentlichkeit hinausschreit, so sollte man doch einsehen, dass es Dinge gibt, die ganz einfach ein Teil der Öffentlichkeit sind. Hausfassaden und Haltestellen gehören dazu. Kontonummern und Intimpilze nicht. Ist doch ganz einfach. Stattdessen kriegt Deutschland eine Art Volk-Psychose. Und das in aller Öffentlichkeit...

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Freitag, 21. Januar 2011
Aus dem Nähkästchen...mal wieder.
Ein Jahr und einen Tag nach dem ersten Satz dieses Blogs nutze ich, wie schon öfter bei >Jahrestagen<, das Jubiläum dazu, ein bisschen aus der ganz privaten Kiste zu plaudern.
In letzter Zeit waren die Beiträge ja allgemein recht persönlich oder besser: "intim" gefärbt. Davon werde ich in Zukunft wieder Abstand nehmen. Schließlich soll "Geständnisse eines Misanthropen" nicht das übliche Online-Tagebuch sein, sondern ein kleiner unterhaltsamer Snack für das alltagsgeplagte Hirn der gehobenen Mittelschicht. Sie gehören nicht dazu? Egal. Ich bin kein Klassenkämpfer. Hier also das intime Geplänkel.

Nachdem sich herausstellte, dass ich zu faul bin, mich zu Vorlesungen zu bewegen, die vor 11 Uhr morgens beginnen, und ich kein Interesse für germanistische Sprachwissenschaften aufbringen konnte, sie mich also in meiner hervorragenden Note in puncto Literaturwissenschaften stark nach unten zogen, habe ich beschlossen, mein Germanistik-Studium an der städtischen Universität (gegründet 1409) an den Nagel zu hängen. Stattdessen habe ich mich seit Oktober in dem Bereich engagiert, der meine Zukunft sein soll. Das inzwischen viermonatige Praktikum beim auflagenstärksten IVW-geprüften Stadtmagazin der neuen Bundesländer ist zwar unbezahlt, bringt mir dafür aber eine Zeile mehr im Lebenslauf und jede Menge Erfahrung im journalistischen Bereich. Ich will Sie nicht langweilen, daher erspare ich Ihnen meine genauen Aufgaben dort - was man innerhalb der Wände einer Redaktion macht, dürfte ja auch jedem klar sein. Es ist genauso, wie man es sich vorstellt. Kaffee trinkende Kreative, die zu Verwirrtheit und sonderbaren Ticks neigen. Das ist gut. Da passe ich rein. Obwohl ich kein Kaffeetrinker bin.

Ich habe also mein Versprechen gehalten und mich zukunftstechnisch betätigt. Zum freien Schriftsteller reichen meine Fähigkeiten bisher leider noch nicht. Aber für den Anfang reicht mir die Auflage von 41.000 Exemplaren bei dem Stadtmagazin. Man soll sich ja auch keine zu hohen Ziel stecken. Allgemein soll man nichts zu hoch stecken. Sonst steht man nachher wie ein Depp da, wenn man nicht mehr rankommt.

Ich frage mich, warum es von diesen Plastikeinlagen in der Kühlschranktür keine gibt, wo zehn Eier reinpassen. Es sind immer nur neun oder sechs. Das ist bescheuert. Da hat jemand nicht nachgedacht. Aber ich schweife ab. Ich wollte Ihnen erzählen, welche unbekannten Filme sie unbedingt mal gesehen haben sollten. Hier also eine kleine Liste, die nicht nach Relevanz geordnet ist:

1.) Little Miss Sunshine
2.) London
3.) In China essen sie Hunde
4.) Funny Games U.S.
5.) Lost In Translation
6.) High Fidelity
7.) Mystic River
8.) U-Turn
9.) Der Dummschwätzer
10.) Oldboy
11.) Sideways
12.) Melinda und Melinda
13.) Igby
14.) Meet The Feebles
15.) 1 Mord für 2
16.) Lovesong For Bobby Long
17.) Broken Flowers

Diese Liste beinhaltet mit Absicht keine Filme, die älter sind als 15 Jahre, da diese im Allgemeinen schwer zu beschaffen sind. Und illegales Herumkopiere und Downloaden möchte ich nicht unterstützen. Warum? Weil ich, mit ein bisschen Glück, selbst einmal ein Hure der Filmbranche sein werde und das meinen Preis drückt.

Da wir schon bei Listen sind, hier noch 10 Bücher, die Sie lesen sollten:

1.) Truman Capote - Kaltblütig
2.) Joe Connelly - Bringing Out The Dead
3.) Harper Lee - Wer die Nachtigall stört
4.) Mario Puzo - Der Pate
5.) Mark Kuntz - Der letzte Raucher
6.) Gustave Flaubert - Madame Bovary
7.) Frank Göhre - St.-Pauli-Nacht
8.) Dirk Bernemann - Ich hab die Unschuld kotzen sehen
9.) Hans Fallada - Der Trinker
10.) Dieter Nuhr - Gibt es intelligentes Leben?

Ich höre jetzt auf mit den Scheiß-Listen. Der Standard-Blog-Leser überfliegt die ohnehin nur. Und weil man ja nur Filme und Bücher empfehlen kann, die man selbst rezipiert hat, ist der Einblick sowieso stark eingeschränkt.

Als Letztes möchte ich anführen, dass ich in naher Zukunft wieder regelmäßiger schreiben werde, weil das Praktikum demnächst endet und ich dann über mehr Zeit verfüge. Sie können sich also auf mehr Geschichten aus dem Leben des werten Erzählers freuen.
Soviel zum wenig aufschlussreichen Jubiläums-Beitrag. Aber es wird ja auch bald Sommer. Was das mit irgendwas zu tun hat?
Gar nichts.

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Dienstag, 18. Januar 2011
Das vielleicht schönste Mädchen der Welt
Manche Dinge sind komplizierter als andere. Ein Flugzeug zum Beispiel ist komplexer als ein Trabant, der Mensch ist komplexer als eine Beutelratte, und beide sind wesentlich komplexer als ein Stück Pflaumenkuchen. Die japanische Sprache zählt zu den kompliziertesten, die es gibt. So hat der Japaner zum Beispiel dort Wörter erfunden, wofür wir ganze Sätze brauchen. So meint "Tate-Uraken-Uchi" einen Schlag mit dem Rücken der Faust, der von oben nach unten ausgeführt wird. Aha. Ein viel besserer Ausdruck, den man auch im Alltag verwenden kann ohne kampfsportaffin zu sein, ist "bakkushan". Was er bedeutet erzähle ich Ihnen gleich.

Gestern, als über Leipzig die Sonne lachte, hatte ich ein wenig Zeit totzuschlagen und trottete teilnahmslos durch eine der vielen Passagen in der Innenstadt. Plötzlich sah ich einen Engel. Sie trat vor mir aus einer Seitentür, ihr schimmerndes Haar wehte leicht im Wind und ein sanfter Duft von Apfel ging von ihr aus. Der Moment schien stark verlangsamt abzulaufen, wie in diesen kitschigen Frauenfilmen. Sie ging schnellen Schrittes, wie wunderschöne Frauen es immer tun, damit die Haarpracht effektvoll wippen kann, wie in einer Shampoo-Werbung. Dummerweise war sie nach rechts aus der Tür gegangen, so dass ich sie bisher nur von hinten gesehen hatte, aber ich war mir sicher, ich würde mich bis zum Ende meiner Tage fragen, ob dieses Geschöpf vielleicht das schönste auf diesem heruntergekommenen Planeten sein mochte, wenn ich ihr Gesicht nicht sehen würde. Sie steuerte auf einen Ausgang der Passage zu; das Tageslicht wurde von dem gefliesten Boden reflektiert und hüllte sie in eine glänzende Aura aus Sonnenlicht. Der Moment war schon fast übernatürlich in seiner unvergänglichen Schönheit. Dachte ich.


(Die Passage des Geschehens.)

Sie ging immer schneller. Ich befürchtete schon, sie hätte mich zwischen den vielen anderen Leuten bemerkt und Angst bekommen. Hier laufen viele Irre herum - und viele Frauen wissen das. Würde mich dieser zauberhafte Engel in der nächsten Sekunde mit einem Elektroschocker niederstrecken? Sie blieb abrupt stehen und drehte sich halb um. Mein schwarzes Herz rutschte zwei Meter nach unten. Aber sie betrachtete nur etwas im Schaufenster eines Juweliers. Ich würde keine körperliche Attacke abwehren müssen. Glück gehabt. Andererseits, wäre mir das lieber gewesen, als das, was folgen sollte.
Weil ich nicht hinter ihr stehen bleiben konnte, musste ich so tun, als würde ich ganz normal weiter gehen. Aber dann würde ich ihr Gesicht nicht sehen! Das gepflegte Haar und der weiße Wintermantel würden ihr Geheimnis für sich behalten und mich in einem Sumpf von Begierde und Sehnsucht ertrinken lassen! Das konnte ich nicht auf mich nehmen. Ich hatte keine andere Möglichkeit, als sie anzusprechen, damit sie sich zu mir umdrehte. Ich überlegte grade, was man zu einer jungen Frau sagt, die überirdisch schön ist. Ich würde ihr die ganze Zeit auf die leicht geschwungenen, vollen Lippen starren, auf die perfekte Haut, die leichten Grübchen, die Augen, in denen man--
Bevor ich meine Befürchtungen zu Ende formulieren konnte, griff eine höhere Macht ein. Ihr Spiegelbild im Schaufenster, eben noch von der einfallenden Sonne am nahen Ende der Passage überstrahlt, wurde sichtbar, als sich wahrscheinlich die einzige Wolke weit und breit erbarmte, und Schatten in die Passage warf. Ihr überbelichtetes Spiegelbild in der Scheibe wurde sichtbar, so wie ein fotografierter Tumor auf einem Polariod sichtbar werden würde.

Der japanische Ausdruck "bakkushan" meint eine Frau, die von hinten umwerfend aussieht - aber nicht von vorn.
All meine in wenigen Sekunden herbei phantasierten Vorstellung von überwältigender Schönheit wurden ausgelöscht. Die Unansehnlichkeit dieser "Erscheinung" muss ich nicht näher beschreiben - jeder hat schon mal hässliche Menschen gesehen.
Ich ging schnell weiter. Auf meinem Gesicht blieb nur Frustration zurück; entglittene Züge, durch Enttäuschung verursacht. Warum hatte ich mich von den herrlichen Haaren und dem Unschuld versprechenden weißen Mantel hinreissen lassen? Und warum konnte ich das Mysterium nicht auf sich beruhen lassen? Warum musste ich mir unbedingt Klarheit verschaffen und die ernüchternde Wahrheit über den Anblick der jungen Frau herausfinden? Niemand weiß es. Ich auch nicht. Aber ich weiß ganz sicher, dass ich auch beim nächsten Mal, wenn mir ein potenzieller Engel vor die Füße fällt, wieder Gewissheit haben wollen werde. Gewissheit, dass sie, die da vor mir her läuft, vielleicht das Schönste ist, was ich jemals gesehen haben werde. Oder eben die Gewissheit, dass der Anblick von hinten nicht den Anblick von vorn vermuten lässt. Überlebensgroße Erwartungen sind nie gut. Aber irgendwann werden sie vielleicht nicht enttäuscht. Irgendwann...

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Montag, 3. Januar 2011
Mein einziger Grundsatz
Will man dem christlichen Kalender glauben schenken, ist ein neues Jahr angebrochen. Das ist schön. War doch 2010 in seiner Gesamtheit eher unerfreulich. Neben den üblichen Erdbeben, Seuchen und Kostet-bald-mehr-Meldungen gab es noch den ausgebliebenen Sommer, "Bauer sucht Frau" und eine dreiviertel Milliarde Liter Rohöl im Golf von Mexiko. Aber ich will nicht jammern - wir mussten nicht hungern, die schon oft versprochene Pandemie blieb auch aus und Deuschland wurde erneut verschont von spontanen islamistischen Explosionen. (Im Oktober 2009 hatte ich mit Harvey gewettet, dass es bis Jahresende Anschläge geben würde. Anfang Januar 2010 musste ich ihn auf ein Kobe-Steak einladen. Tja. Nicht mal auf Terroristen ist heute noch Verlass.) Eine meiner Lieblingsgeschichten aus 2010 ist aber die eines Brasilianers. Er war 32 Jahre alt, arbeitete seit 12 Jahren bei McDonalds und erhielt schließlich von seinem Arbeitgeber 12.500 Euro. Aber nicht für seine Treue zum Unternehmen...

Ich habe Silvester in einem besseren Keller verbracht. Die Party war groß beworben worden, die Tickets kosteten an der Abendkasse 50 Euro und alle Getränke waren gratis. 10 Minuten vor Mitternacht ging ich noch einmal zur Bar um eine Runde Sekt für unseren Tisch zu ordern. Ich rauchte eine letzte Zigarette im sterbenden Jahr und wartete geduldig darauf, dass die unattraktive Kellnerin mich beachten würde. Aber selbst als es 23.58 Uhr wurde und sie noch immer mit dem Auffüllen der Kühlschränke beschäftigt war (ich stand inzwischen allein an der Bar - alle Anderen hatten die Oberfläche gestürmt), wurde ich nicht nervös. Erst als Darth Vader im Lautsprecher anfing, von 10 herunterzuzählen, dachte ich, dass es langsam Zeit wurde, mich einsamen Trinker zu versorgen. Man musste doch anstoßen! 00.07 Uhr war ich mit meiner ausgeprägten Geduld am Ende. Das Miststück hinter der Bar hatte mir ein Dienstleistungslächeln geschenkt und war im Lagerraum verschwunden. Ich ging durch die hüfthohe Schwingtür hinter die Bar, klaubte einen Karton halbtrockenen Rotkäppchen-Sekt vom Boden und verließ den stinkenden Keller mit meiner wertvollen Fracht. Auf der Straße angekommen, war die Feier in vollem Gange. Alkoholschwangere Glückwünsche wurden in Mobiltelefone gekreischt und Phosphorblüten erhellten den bewölkten Himmel. Die Gesellschaft der ich angehörte, nahm wenig Notiz von meiner Eroberung und hatte schon längst mit minderwertigen Whiskey-Cola-Gemischen auf 2011 angestoßen. Frustriert nahm ich zwei Anrufe von verwandten Erzeugern an und behauptete, ihnen auch ein schönes neues Jahr zu wünschen.
Um 00.22 Uhr war ich schon wieder fast allein auf der Straße. Trotzig zog ich eine Flasche aus dem zunehmend durchweichenden Karton im Schnee und schickte meine ganz private Plastikblüte in den Himmel.

Der 32-jährige Brasilianer, der seit er 20 war bei McDonalds arbeitete, hatte wie alle anderen Mitarbeiter bei jeder Schicht die Erlaubnis, ein paar Burger frei Haus zu essen. Mit 32 stellte er dann fest, dass er 30 Kilo mehr wog, als zu Beginn seines Arbeitsverhältnisses. Er verklagte McDonalds, weil er sich angeblich genötigt gefühlt hatte, jeden Tag den Fraß der Fast-Food-Kette "auf Qualität zu testen". Dafür bekam er von einem Gericht umgerechnet 12.500 Euro Schadenersatz zugesprochen...
Wenn ich zwischen 20 und 32 nur 30 Kilo zunehme und jeden Tag umsonst essen kann, klopfe ich mir vor Freude auf die Schulter. Der Brasilianer nicht.
Was lernen wir daraus? - Dreist gewinnt! Und wenn ich den Karton Rotkäppchen nur ein paar Minuten früher mitgenommen hätte, ergo (rechtzeitig) dreist gewesen wäre, hätte ich das neue Jahr wesentlich theatralischer begrüßen können. Tja. Hinterher ist man meistens schlauer. Mein einziger Grundsatz für dieses Jahr: Noch dreister, noch provokanter, noch böser! Sie können sich also auf etwas freuen.

Ganz entgegen meiner infamosen Art beglückwünsche ich meine [geeignetes Adjektiv einfügen] Leser, dass sie es so lange durchgehalten haben, diesen gesellschaftlich wenig tragbaren Blog wieder und wieder zu besuchen. Auf ein Neues!

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